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Mitternacht

 

Entschuldigung - es steht schlecht um Sie!

 

Gestern Nacht - genau genommen um 1.47h mitteleuropäischer Zeit, trat ich auf die Straße. Und dafür, dass hier 157 Einwohner auf dem Quadratkilometer leben sollen, war es erschreckend still. Und unerwartet lau. Mal ganz nebenbei, ich bin vor so etwas nicht gefeit. Was immer es war, mögen es nun die Geister der Nacht, der Trieb nach dem Morgen oder die Unruhe des Jetzts gewesen sein, unter dem dunklem, undurchsichtigem Himmel zu spazieren, ließ mich in diesem Moment zum ersten Mal seit langer langer Zeit wieder das Richtige fühlen. Wärmende, erwachende Vorfreude. Ein bisschen Glück. Nicht zu viel, grade so, dass die Sehnsucht nach mehr fasst.

Der Herbst ist etwas ganz individuelles. Für die einen bedeutet es Einzug von Kälte, Kapitulation und Schwermut. Und der Schritt Richtung Rückzug, abgeschlossen und heizungsbeüftet. Das künstliche Licht brennt. Planar.

In Wahrheit ist es nicht dunkler als zuvor. Das Licht scheint umso heller, wenn es sich in den farbigen Schattierungen der Bäume findet, klarer, wenn es die weichen Linien der Blätter nachfährt, zarter, wenn es die aufgerauten Böen und tanzenden Bewegungen wahrnimmt, wärmend, wenn es sich in der Farbenpracht des Moments widerspiegelt. Der Herbst ist lieblich-grün, wie die ersten Knospen im Frühling, golden wie das Korn im Sommer, pfirsichfarbend und doch karmesinrot, wie das Kerzenlicht im Winter.

Es geht darum, zu sehen. Aufzunehmen. Der Dynamik des Fortgangs zu folgen. Manchmal heißt es sogar, es dem Fallen der Blätter gleichzutun und sich darauf einzulassen. Mehr als irgendeine andere Zeit des Jahres symbolisiert der Herbst für mich Beginn. Etwas Neues.

 

Übrigens ging die Nacht - auch wenn sie mir die farbliche Pracht verwehrte dafür vielmehr durch ihr Ruhe und ihren begleitenden Aufstand (!) - mit der Erkenntnis zu Ende, dass ich mir dringendst Mann oder Haustier zulegen sollte, um besser beschäftigt zu sein, als zu Tagesende durch die Weltgeschichte zu spazieren

15.10.08 19:27, kommentieren



akzidentelle Schritte

Achtung - es besteht Rutschgefahr!

 

Das Leben schreibt manchmal merkwürdige Zufälle. Wenn man sich zB in einer eher schwierigen emoionalen Phase befindet, hin und her gerissen ist, selber nicht weiß was man eigentlich will und sich eigentlich viel zu sicher ist, doch den Tatsachen lieber entfliehen würde. Dann passieren solche Dinge. Dann begegnet man Menschen wieder, die einmal eine bedeutende Rolle in dem Prolog des Lebens gespielt haben. Die ersten Gefühle, die man gibt und zulässt, sind wohl die prägendsten, die unvergessensten, denn es sind bei Gott die Reinsten, die wir je imstande waren zu geben. Und wohl genau darum erschlug es mich heute beinahe regelrecht. Und es bewies mir, Zeit, zwischen dem letzten Blick und dem heutigen wissendem Lächeln, Zeit, gefüllt mit Erfahrungen beiderseits und doch unbeteiligt voneinander, ist leblos. Und deshalb unsterblich.

Heute habe ich gelernt, dass es keine zufälligen Begegnungen gibt. Sie kommen entweder zum richtigen oder zum falschen Zeitpunkt, doch immer, wirklich immer, geschieht ein unweigerlicherliches Erwachen. Ich bin die letzten Wochen wie reglos durch mein eigenes Leben gelaufen, ohne vom Fleck zu kommen, ohne auch nur irgendeine Bewegung verspüren zu können, je schneller ich zu laufen versuchte, um endlich irgendetwas, doch nur irgendetwas wahrzunehmen, desto fester wurde meine Verankerung mit dem harten Grund, auf dem ich noch nicht einmal mehr stand. Es gibt keinen Zufall. Ich bin heute einen Schritt gegangen. Es war Zeit, denn ich - ich bin nicht ein bisschen ewiglich.

18.10.08 22:24, kommentieren

wach

Wissen Sie, nichts ist so wie es scheint.

 

Ich hab mich gefragt, warum nur sind wir nicht die, die wir sind?  Weshalb versuchen wir immer, etwas anderes zu sein? Genügen wir uns selber nicht mehr? Wir schauspielern. Theatralisieren. Bilden Neologismen, um uns noch kompliziert unbequemer ausdrücken zu können, nur ja nicht die Sache auf den Punkt bringen. Übertreiben. Verschweigen. Handeln, doch in verkehrter Art und Weise. Sprächen wir unsere Emotionen frei heraus, glauben Sie mir, die Welt wäre um einige einsame Herzen ärmer. Agierten wir nach unseren Gefühlen, ich versichere Ihnen, wir hätten einige Sternschnuppen-Stunden mehr, auf die wir mit einem Lächeln zurückblicken könnten. Doch Angst hängt immerzu über uns, Angst davor, verletzt zu werden, zu geben und niemals zu bekommen, zu sprechen und niemals Antwort zu erhalten, und vorallem den Stolz gebrochen zu finden.

Ich frage mich, wieso sind mir all diese Dinge bekannt, wissend, wie falsch und hinderlich es ist, wie glücklich ich wäre, wäre ich offen und frei und doch bin ich wie jeder andere auch - nicht ich selbst. Ich liebe - und habe es nie gesagt. Ich weine - und habe es nie gezeigt. Ich wandere - und sehne mich doch nur nach einem Heim. Ich suche - und weiß noch nicht mal genau wonach.

Irgendwo muss doch Gefühl sein.

 

 

25.10.08 04:28, kommentieren

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